Der Seidenzwirnfabrikant Carl Mez (1808 – 1877) gründete das Evangelische Stift im Jahr 1860. „Wir sind in der Welt, aber nicht von der Welt“, war sein Wahlspruch, mit dem er sein Handeln in der Welt ganz bewusst auf seinen christlichen Glauben gründete. Er war nicht nur ein erfolgreicher und fortschrittlicher Unternehmer, sondern vor allem auch ein mutiger Politiker, dessen großes Engagement vom christlichen Sozialismus geprägt war. Zum Zeitpunkt der Stiftsgründung hatte er sich als Stadtrat in Freiburg, Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung und Mitglied der Badischen Ständeversammlung bereits einen Namen gemacht.

Der Zweck der Stiftung wurde festgelegt als „Förderung all dessen, was allgemein der evangelischen Kirche und besonders der evangelischen Gemeinde Freiburgs in geistlicher und leiblicher Beziehung nützt und frommt. Die inneren Mittel sind: Wort Gottes und Gebet; Glaube, der in der Liebe tätig ist.“ Die evangelische Gemeinde Freiburgs zählte zur damaligen Zeit übrigens erst rund 1000 Mitglieder.
Der Mensch muss höher geachtet werden als die Maschine.
In ihm wohnt eine Seele, die zum ewigen Leben bestimmt ist!

Carl Mez (1808-1877)


Die Wurzeln des Evangelischen Stift Freiburg liegen in der damaligen Pfaffengasse 785, heute Herrenstraße 7, also dort, wo sich das Haus Gottestreue befindet. Im Oktober 1860 begann man hier mit fünf Waisenkindern und einer Witwe – heute würde man sagen: einem intergenerativen Wohnprojekt. Drei Diakonissen betreuten außerdem auch die Armen, Alten und Kranken der Gemeinde. Das neue Haus Gottestreue, das im Jahr 2016 an der selben Stelle entsteht, setzt diese Tradition des generationenübergreifenden Zusammenlebens auf moderne Weise fort.

Im Garten zwischen Hermann- und Herrenstraße wurde bald der Bau eines größeren Waisenhauses notwendig. Frauen und Mädchen, die von außerhalb nach Freiburg kamen und hier Arbeit fanden, konnten zunächst im Versorgungshaus wohnen.1897 wurde zusätzlich ein Mädchenheim erbaut. In einer Schrift wird berichtet: Durch Diakonissen und Hilfskräfte wurden die BewohnerInnen in ihrer Freizeit im Nähen und Flicken ausgebildet. In diesem Haus wurde vorübergehend auch die Kinderschule untergebracht.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand in der Herrenstraße 7 ein dreigeschossiges Jünglingsheim, das bis zu 50 jungen Männern Unterkunft bot: meist Schülern, Studenten und Kaufleuten. Damals war das Evangelische Stift Freiburg trotz seiner städtisch zentralen Lage direkt an der alten Stadtmauer ein Betrieb mit Viehhaltung und Landwirtschaft. Als besonderes Angebot an BewohnerInnen und Stadtbevölkerung wurde eine Dampfwaschanstalt mit 16 Badezellen und einem Duschraum eingerichtet. Dieses Bad öffnete man für die Öffentlichkeit, da ja Bäder in Privatwohnungen noch lange nicht selbstverständlich waren.

1908 entstand in der Hermannstraße das erste Altersheim des Evangelischen Stift Freiburg. Es wurde nach dem badischen Großherzogspaar „Friedrich- und Luisen-Heim“ benannt. Zusätzlich kaufte man die Häuser Nummer 16 und 18, in denen nach einem Umbau werdende Mütter, Säuglinge und alleinstehende Frauen Aufnahme fanden. An der Ecke Hebel- und Albertstraße entstand ein weiteres Haus des Stifts, mit Frauenschule und Kindergartenseminar – dort, wo sich heute das Albert-Ria-Schneider-Haus befindet. Es wurde beim Bombenangriff am 27.11.1944 total zerstört und begrub über 50 – meinst junge – Menschen unter seinen Trümmern.
Auch die Häuser in der Hermannstraße fielen dem Bombenangriff zum Opfer. Weitere zwölf Menschen kamen in ihnen ums Leben, viele retteten sich auf den nahen Schloßberg und mussten dort die Nacht verbringen. Doch schon sehr bald wurde die in Freiburg bereits tief verwurzelte Institution Schritt für Schritt wieder neu aufgebaut.

1951 konnte zunächst das Carl-Mez-Heim eröffnet werden – damals noch als Lehrlings- und Jugendwohnheim. Das Haus Gottestreue wurde auf dem Gelände zwischen der Hermann- und Herrenstraße errichtet und 1956 bezogen. In der Hebelstraße entstand das Hölzlinheim als Mädchenaufnahmeheim. Es wurde später erweitert und zum Altenwohnheim, dem Albert-Ria-Schneider-Haus, ausgebaut. Hier befindet sich heute das Betreute Wohnen mit dem intergenerativem Wohnprojekt.

Die Kinder und Kleinkinder fanden in Freiburg- Zähringen eine neue Heimat. Diese Institution gehört heute zur Evangelischen Jugendhilfe in eigener Trägerschaft.

Im Stiftsgarten entstand ein Personalbau, in dem sich nach Umbau zunächst die Altenpflegeschule befand. Jetzt sind der Ambulante Dienst, die Stabsstelle der EDV und das Qualitätsmanagement dort untergebracht. Weiter befinden sich der Schulungsraum des Evangelischen Stift, das Pfarrbüro unserer Pfarrerin und die Betriebsärztin in diesem Gebäude.

1976 begannen noch einmal umfangreiche Baumaßnahmen: Das Marthaheim und das Haus Abendfrieden wichen dem Bau des neuen Pflegeheimes Haus Schloßberg mit Cafeteria. Das integrierte Tagesheim war ein Angebot für Menschen, die einer besonderen Pflege und Therapie bedurften, aber dennoch zuhause wohnen wollten. Sie hatten die Möglichkeit Therapie- und Freizeitangebote im Hause zu nutzen. Weiter wurde die Kapelle im Stiftspark errichtet und die Häuser Nr. 8-12 nach einem neuen Konzept der Altenwohnungen gebaut. Im Erdgeschoss der Hermannstraße 10-12 wurden vielfältig nutzbare, große Räume eingerichtet, die heute die Basis der Begegnungsstätte bilden. 1994 wurde in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Gundelfingen das Seniorenzentrum Gundelfingen mit Pflegeheim, Betreutem Wohnen und Tagespflege erbaut. In der Freiburger Hermannstraße entstand das Haus Münsterblick, das 30 Appartements für Servicewohnen auf gehobenem Niveau bietet. 2002 zogen die ersten BewohnerInnen ein.

Um das Unternehmen auf eine breitere Basis zu stellen, wurde der Verbund Evangelisches Stift Freiburg nach und nach um weitere Einrichtungen in ganz Baden erweitert. Zu den sechs Häusern in Freiburg und Gundelfingen kamen weitere Häuser und Ambulante Pflegedienste in den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald, Karlsruhe, Konstanz und im Ortenaukreis. Derzeit gehören dem Verbund 13 Einrichtungen an. Die Standorte finden sich in Bretten, Friesenheim, Stockach, Konstanz, Lahr und Hornberg. Weiteres Wachsen ist gewünscht.

Das 2009 neu gebildete Strategieteam des Evangelischen Stift Freiburg hatte sich im Frühjahr 2011 ein Leitbild gegeben, das auf den christlich sozialen Grundsätzen von Carl Mez basiert und sie in die heutige Zeit fortsetzt. 2015 wurde es überarbeitet und an weitere Anforderungen angepasst. Auch das Qualitätsmanagement als Kernaufgabe modernen Managements wurde neu aufgestellt und entwickelt nun kontinuierlich die Organisation fort. Die eigene Pfarrstelle des Evangelischen Stifts trägt wesentlich zum christlich basierten Miteinander der BewohnerInnen, der Angehörigen, Mitarbeitenden und freiwillig Engagierten bei.

Unter dem Motto „Wir bauen Europa“ pflegt das Evangelische Stift internationale Verbindungen. Ein außergewöhnlicher Austausch von Pflege-Auszubildenden und -Fachkräften wurde beispielsweise mit der Stadt Cluj (Klausenburg) in Rumänien organisiert. Das Projekt wurde mit Mitteln der EU aus dem Programm „Leonardo da Vinci Mobilität“ gefördert. Aus den gegenseitigen Arbeitsbesuchen sind intensive Beziehungen und Freundschaften entstanden. Man hat sich gegenseitig angeregt und viel voneinander gelernt – weshalb die Projekte nicht nur weitergeführt werden sollen, sondern auch auf andere Länder erweitert werden.

Ein zentrales Zukunftsthema ist das Zusammenleben der Generationen, das im Stift unter anderem mit der Kleinkindbetreuung im Pflegeheim Haus Schloßberg und mit dem Studentenwohnen im Albert-Ria-Schneider-Haus realisiert wurde. Ein weiteres intergeneratives Wohnprojekt wird im neuen Haus Gottestreue entstehen. Auch die große, lebendige Begegnungsstätte mit Cafeteria prägt die besondere Atmosphäre von Lebendigkeit und Vielfältigkeit des Zusammenlebens im Stift.

Das Evangelische Stift Freiburg ist heute ein überregionales Sozialunternehmen, das eine vielfältige und innovative Palette von Einrichtungen und Dienstleistungen rund um das Leben und Wohnen im Alter anbietet: Betreutes Wohnen, Service-Wohnen, stationäre Pflege in Pflegeheimen, ein Altenheim, Tagespflege und Ambulante Pflegedienste. Dabei sind wir stets dem diakonischen Profil und dem damit verbundenen christlichen Menschenbild verpflichtet.